Donnerstag, der 24. Mai, 23:00 Uhr, im alten Columbia Theater in Berlin Tempelhof:

Das ganze alte, ausgebaute Theater ist voller junger Menschen. Elektronische Musik ertönt und alle beginnen zu tanzen.  Als die Musik wieder aufhört zu spielen, wird es still und die Scheinwerfer richten sich auf einen älteren Mann vor der Bühne, neben dem ein Tisch mit einem Kreuz steht – der Pfarrer und der Altar. Wo ist man hier gelandet? Die Frage scheint durchaus berechtigt und die Antwort ist wohl auch keine, die man üblicherweise mit Techno-Musik und der späten Stunde verbindet: hier wird gerade ein Gottesdienst gefeiert. Im Gottesdienst geht es um Menschenrechte, das Leid in der Welt und die Verantwortung, die Christen in dieser Wirklichkeit tragen. Eine asiatische Menschenrechtsorganisation und der chinesische Künstler Liao Yiwu, der 2012 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, sind anwesend. Sie berichten von der Gefangenschaft Liu Xiaobos, des Friedensnobelpreisträgers.

Bei dem Gottesdienst handelt es sich um eine Veranstaltung des Deutschen Evangelischen Kirchentages, der vom 24.05. bis 28.05. in Berlin stattfand. Als Gruppe des Dekanats Thurnau sind auch einige Kasendorfer, Neudrossenfelder und Bamberger Studenten nach Berlin gefahren und haben sich vier Tage lang mit den verschiedensten Themen beschäftigt, die der diesjährige Kirchentag mit dem Motto „Du siehst mich“ (1. Mose 16, 13) zu bieten hatte.

Im Zentrum vieler Veranstaltungen stand – klar – das Reformationsjubiläum. Wer jedoch glaubte, dass damit schon alles gesagt sei und jede der Veranstaltungen wohl in diese Richtung ginge, hatte sich deutlich geirrt. Das war uns allen spätestens mit Erhalt des Programmbuches klar, das auf mehr als 500 Seiten Veranstaltungen rund um die Uhr, an sehr vielen Orten gleichzeitig und zu allen denkbaren Themen anbot. Angefangen bei politischen Themen (z.B. „Der Zerfall des Nahen Ostens – Wo sind Ansätze einer Stabilisierung?“ und der Besuch Obamas) über Kulturelles (z.B. Kabarett), Sportliches und Musikalisches (Pop, Rock, Techno, Kirchenmusik) bis hin zu den unterschiedlichsten Gottesdiensten, Gebetsrunden und Bibelarbeiten war die Themenfülle so groß, dass man selbst nur einen Bruchteil besuchen konnte. So ließ sich jeder von uns – zeitweise immer wieder in Gruppen zusammen – seinen Interessen nach treiben und sammelte individuelle Eindrücke.

Allen gemein war dennoch die Erfahrung, in Berlin einer größeren Gemeinschaft anzugehören: überall in der Stadt sah man Besucher des Kirchentages, die mit Schals, Rücksäcken, Taschen oder Karten des Kirchentages unterwegs waren. Die Fülle der Veranstaltungen, die teilweise von ganz unterschiedlichen Veranstaltern organisiert wurden (zu nennen sind hier die Pfadfinder, Hochschulgruppen, Berliner Kirchengemeinden, evangelische Landesverbände und viele mehr), verdeutlichte uns, wie breit und vielschichtig die evangelische Kirche in Deutschland aufgestellt ist. Die Veranstaltungen mit Bezug zu anderen Ländern zeigten uns, dass die Kirche Gottes eine internationale Gemeinschaft ist. Und nicht zuletzt waren die Tage voll von Erlebnissen, die sicher nicht so schnell vergessen werden. Viele Veranstaltungen luden auch einfach zum Verweilen, Genießen und Feiern ein. Oder wer lässt sich schon nicht gerne von der guten Laune der Wise Guys zusammen mit Zehntausenden weiteren Besuchern vor dem Brandenburger Tor anstecken?

In zwei Jahren wird man uns auf dem nächsten Kirchentag sehen – dann in Dortmund! :-)

Daniel Ströbel